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Roland Zschächner

Kein Ende der Geschichte
Diskurse, Gedenken und Formen der Erinnerung
an den Zweiten Weltkrieg in Serbien

Berliner Beiträge zur Ethnologie Bd. 35
Weißensee Verlag Berlin 2015, 200 Seiten, 29,80 €, ISBN 978-3-89998-228-2

zur Buchreihe

Über das Buch:
Geschichte wird gemacht. Immer wieder aufs Neue – durch Erzählungen, Interpretationen und Erinnerungen. Vergangenes bleibt auch, wenn es lange zurückliegen mag, immer auch aktuell und ein Feld gesellschaftlicher Auseinandersetzungen.
Wenn über Geschichte gestritten wird, wird stets die Frage nach den gegenwärtigen Verhältnissen mitgestellt. In Serbien, das in den vergangenen 25 Jahren vielfältige Umbrüche erlebte, ist der Diskurs über den Zweiten Weltkrieg bestimmt durch das Spannungsverhältnis zwischen der jugoslawischen Gedenkpolitik, dem neoliberalen Kapitalismus und dem gegenwärtigen Nationalismus.
Waren die Tito-Partisanen im sozialistischen Jugoslawien noch Helden, wandelte sich der Blick auf das antifaschistische Erbe mit dem blutigen Zerfall des Vielvölkerstaats. In der Arbeit von Roland Zschächner werden drei Beispielen von Praxen des Erinnerns und Formen des Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg in Serbien analysiert. Sie sind zwischen Individuum und Gesellschaft sowie zwi-schen Sozialem und Kulturellem verortet. Dabei wird die Perspektive sowohl auf staatliche wie auch auf nicht-staatliche Akteure, den Partisanen-Widerstand wie die Shoah gelegt. Außerdem wird die Erinnerungs- und Gedenkpolitik im sozialistischen Jugoslawien, das seine Legitimation aus der erfolgreichen Befreiung ableitete, dargestellt.
Auf Grundlage einer mehrmonatigen Feldforschung werden die Organisation „Savez antifašista Srbije“, das Vorhaben der Neuinterpretation des 27. März 1941 durch die serbische Regierung sowie die Belgrader Initiative „poseta Starom sajmištu“ untersucht. Die verschiedenen Akteure versuchen mit ihren Praxen des Erinnerns, Bedeutung und gesellschaftliche Relevanz herzustellen. Während der „Savez antifašista Srbije“ eine Gegen-Erinnerung zum hegemonialen nationalistischen Diskurs formuliert, versucht die serbische Regierung mit dem 27. März 1941, an den europäischen Gedenkdiskurs anzuknüpfen. Die Initiative „poseta Starom sajmištu“ – benannt nach dem alten Belgrader Messegelände, Staro sajmište, wo die Nazis die jüdische Bevölkerung der Stadt ermordeten – tritt für ein öffentliches Erinnern an die Shoah ein.
Deutlich wird, dass der Diskurs über den Zweiten Weltkrieg von politischen und ökonomischen Interessen bestimmt ist. Doch Erinnerungen können nicht nur dazu dienen, Macht- und Herrschaftsverhältnissen zu legitimieren, sondern vermögen diese ebenso infrage zu stellen.
Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Birgitt Röttger-Rössler (FU Berlin).

Über den Autor:
Roland Zschächner, Jahrgang 1983, lebt in Berlin; Studium der Ethnologie, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und der Universität Belgrad. Er arbeitet als außenpolitischer Redakteur bei der Tageszeitung „junge Welt“ und ist Mitherausgeber des Buches „Mythos Partizan – (Dis)Kontinuitäten der jugoslawischen Linken“.