Kerstin Volker-Saad
Zivilistinnen und Kämpferinnen in Eritrea
Berliner Beiträge zur Ethnologie [ISSN 1610-6768],
Bd. 7
Berlin 2004, 336 Seiten, ISBN 978-3-89998-044-8, Preis:
36,00 €
Weitere
Bände der Reihe
Über das Buch:
Die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich mit eritreischen
Frauen im zivilen und militärischen Kontext der Kriegs-
und Nachkriegszeit zwischen 1961 und 1997. Bei einem zweieinhalbjährigen
Arbeits- und Forschungseinsatz im westlichen Tiefland Eritreas
traf die Autorin vorwiegend auf Frauen, die dem von der
Regierung postulierten Frauenbild sehr skeptisch gegenüberstanden.
Mit der Botschaft der Befreiungsbewegung, dass sich die
Eritreerinnen besonders durch den Befreiungskampf von alten
Rollenmustern verabschiedet haben, konnte und wollte sich
eine Mehrheit ihrer Gesprächspartnerinnen nicht identifizieren.
Dass eine solche offensichtliche Diskrepanz weder in der
öffentlichen Diskussion, noch in den wissenschaftlichen
Untersuchungen thematisiert wurde, irritierte sie besonders.
Der Fokus ihrer Analyse richtet sich deshalb auf die Kluft
zwischen der staatlich-offiziellen Rhetorik und den Alltagserfahrungen
eritreischer Frauen. Anhand von Darstellungen unterschiedlicher
weiblicher Lebenswege analysiert sie relevante Wertvorstellungen,
die sich in den verschiedenen Lebenskontexten ausgebildet
haben. Das Essen bzw. die Ernährung als gelebte Werte
betrachtet, ermöglichten ihr die Spezifika der einzelnen
Frauengruppen und die gesellschaftlichen Widersprüchlichkeiten
herauszuarbeiten. Die vorliegende Arbeit ist somit auch
der Versuch, die Tragfähigkeit der Analyse des Essens
als theoretischen Ansatz zu überprüfen, um verifizierbare
Aussagen über das Verhältnis von Zivilistinnen
und Kämpferinnen in Eritrea zu erhalten.
Die Daten für diese Studie erhob die Autorin während
einer Tätigkeit als Leiterin der Abteilung Gemeinwesenentwicklung
im Integrierten Ernährungssicherungsprogramm IFSP-Gash&Setit
in Tessenei im westlichen Tiefland Eritreas (1995-1997).
Die Feldforschungen, die sie im Rahmen dieses Projektes
unternahm, führten sie u. a. zu den Beni-Amer, die
als Agro-Pastoralisten in der Nähe der Stadt Tessenei
leben. Ihre Ausführungen über Zivilistinnen beziehen
sich hauptsächlich auf diese Bevölkerungsgruppe.
Die in Eritrea gesammelten Daten werden durch zahlreiche
Interviews ergänzt, die sie bis Juli 2001 mit Kämpferinnen
und Kämpfern, Expertinnen und Experten und Exileritreern
führte, die in Deutschland leb(t)en.
Das sagten die anderen:
Mit der Beschreibung eines Arbeitstages aus der Sicht der
Beni-Amer-Frau beginnt eine faszinierende Ethnographie der
Beni-Amer. Von der Mitte ihres Lebens her, von der Nahrung
und der gebärenden Reproduktion her, werden wir über
ihr Leben informiert. Dass Essen als Angelpunkt der Ethnographie
gewählt wird, ist in den Sozialwissenschaften selten,
gibt aber getreuer als die meisten anderen Perspektiven
die emische Sicht wieder. (…)
Prof. Dr. Georg Elwert, Institut für Ethnologie,
Freie Universität Berlin
"Meisst werden die Visionen einer geschlechtergerechten
Gesellschaft, die Befreiungsbewegungen propagieren, nicht
eingelöst. Das betrifft auch Eritrea, wo ein 39-jähriger
Unabhängigkeitskampf (1961-1991) sowie nachfolgende
kriegerische Auseinandersetzungen mit Äthiopien (1999-2000)
tiefe Spuren hinterlassen haben. Die Berliner Ethnologin
Kerstin Volker-Saad kam Mitte der 1990er Jahre als Entwicklungshelferin
in das westliche Tiefland Eritreas. In ihrer Arbeit wurde
deutlich, wie sehr die Kriegsfolgen die Lebensrealität
von Frauen beeinflussen..."
Frauensolidarität 3/2005