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Robin Schnitzler
„Ehre heißt Planerfüllung!“
Zur Geschichte der Instrumentalisierung und Manipulation von Ehre und Geehrten mit Hilfe von Auszeichnungen in der DDR

Berliner Beiträge zur Zeitgeschichte [ISSN 1610-5818], Bd. 5
Berlin 2007, 1247 Seiten, 3 Bände, € 39,80; ISBN 978-3-89998-100-1

Weitere Bände der Reihe

Über das Buch

"Die Genossen in den beiden Kommissionen zur Verleihung der Nationalpreise und im Sekretariat der DWK werden angewiesen, sich bei der Durchführung der Verordnung der DWK vom 24. 5. 1949 von folgenden Hauptgesichtspunkten leiten zu lassen:
Die Auswahl der Nationalpreisträger hat so zu erfolgen, dass die erstrebten Ziele der Gewinnung der Intellektuellen für die aktive Teilnahme am demokratischen Aufbau, am Kampf der nationalen Front für Einheit und gerechten Frieden, der Festigung des Bündnisses zwischen Arbeiterklasse und Intelligenz...in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands voll erreicht werden. ...
Es sollen nicht nur antifaschistische Demokraten, sondern auch Intellektuelle bürgerlicher Herkunft und bürgerlicher Ideologie...in entsprechender Zahl berücksichtigt werden und zwar aus allen Besatzungszonen. Hierbei können auch ehemalige Nazis berücksichtigt werden [...]."

Die Studie befasst sich mit einem bisher nur ansatzweise erforschten, nichtsdestotrotz zentralen Herrschaftselement des ehemaligen SED-Regiemes, nämlich dem Versuch der "systematisch durchdachten und geplanten" (das für die Studie interviewte ehemalige Mitglied des Politbüros des ZK der SED Werner Eberlein) Konditionierung und Mobilisierung der DDR-Bewohner durch die Erzeugung und Organisierung inhaltlich maßgeblich von der SED-Führung diktierter Vorstellungen und Praktiken von "Ehre".

Sie analysiert die auf die gezielte Schaffung von Fügsamkeit und die Inszenierung politischer Legitimation für die SED-Diktatur und deren führende Betreiber zielende Organisierung der flächendeckenden politischen Instrumentalisierung der im Phänomen der "Ehre und Würde der Persönlichkeit" enthaltenen Relationen sozialer Wertschätzung und Selbstachtung der Menschen im SED-Staat. In Anlehnung an die Auszeichnungspolitik der UdSSR und des Nationalsozialismus erfolgte die Schaffung und "planmässige" Vergabe von jährlich bis zu 700 000 "staatlichen Auszeichnungen" hierzu ab 1947 unter Federführung der SED-Spitze und deren Staats- und Parteikader. In allen Bereichen und sozialen Gruppen des politischen-, wirtschaftlichen- und gesellschaftlichen Systems der DDR jährlich an mehrere Millionen Menschen mit Hilfe eines bürokratischen Quotierungsverfahrens verliehen, bildeten diese Auszeichnungen, insbesondere in Form von Orden, Ehrentiteln, Medaillen und Preisen die wichtigsten Instrumente für die Verankerung der systemspezifischen Ehrekonzeption des SED-Staats im Persönlichkeitskern der DDR-Bewohner.

Der Akt der öffentlichen Auszeichnung diente der SED-Führung einerseits dazu den offiziellen Verhaltens- und Ehrenkodex in Auszeichnungsreden und inszenierten Dankesworten der Geehrten inhaltlich zu bestimmen und per Systempropaganda agitatorisch zu verbreiten. Durch die dabei erfolgende individuelle Zuteilung von sozialer Wertschätzung sollte dieser Ehrenkodex andererseits zu subjektiven Bedürfnissen und Wertsetzungen des Individuums transformiert werden. Gezielt die Überzeugung hervorrufend, dass der Mensch seinen Wert ausschließlich von den führenden Betreibern des Staates erhalten könne, sollten die Auszgezeichneten mit dieser zentralen Methode der Persönlichkeitssteuerung in der DDR gegenüber dem Staat zur Dankbarkeit und kritiklosen Fügsamkeit verpflichtet und zur gesellschaftlichen- und beruflichen Aktivität entsprechend den Anweisungen der SED-Führung mobilisiert werden.  Neben den persönlichkeits- und verhaltensmanipulierenden Zielsetzungen der Auszeichnungspolitik diente die massive und systematische öffentliche Selbstausstattung insbesondere der höchsten Staats- und Parteiführer mit hohen Orden und Ehrentiteln, wie dem "Held der Arbeit", der Propaganda der eigenen Ehrenhaftigkeit und Leistungsfähigkeit und damit der Inszenierung der Berechtigung ihrer eigenen, gleichwohl niemals durch freie Wahlen legitimierten geschweige denn legitimierbaren Herrschaft.

Differenziert nach der Vergabe von Auszeichnungen in den Bevölkerungsgruppen der Staats- und Parteikader, der Arbeiter und Angestellten, der Kinder- und Jugendlichen sowie der Wissenschaftler, Künstler und Hochleistungssportler analysiert die Studie auf der Basis der ehemals streng geheimen auszeichnungspolitischen Konzeptions- und Planungsakten, wissenschaftlicher Arbeiten sowie zentraler ehrepolitischer Propagandamedien die ideologischen Grundlagen, machtgenerierenden Ziele und Organisationsstrukturen der Zuteilung von Auszeichnungen in der DDR. Mit Hilfe der Sekundäranalyse der diesbezüglichen empirischen Sozialforschung der SED und Zeitzeugeninterviews versucht der Autor zudem die Frage zu beantworten, in wieweit die mit der Auszeichnungspolitik verbundenen Propaganda- und Konditionierungskalküle von den führenden Betreibern der SED-Diktatur bei der DDR-Bevölkerung realisiert werden konnten.

Rezension

"Zehn Ehrungen erhielt durchschnittlich, wer Kindheit, Jugend und mindestens einen großen Teil des Berufslebens in der DDR verbrachte. Bis 1989 wurden 'mehr als 5.300 verschiedene ansteckbare Auszeichnungen in Form von Orden, Ehrentiteln, Medaillen und Abzeichnen mannigfaltigster Art geschaffen' ... "

ZPol
Zeitschrift für Politikwissenschaft

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