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Sören Phillips

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Inhalt
Sören Philipps
Die Frage der Wiederbewaffnung im Hörfunkprogramm des Nordwestdeutschen und Süddeutschen Rundfunks von 1949 bis 1955/56

Berliner Beiträge zur Zeitgeschichte, Bd. 2
Berlin 2004, 425 Seiten, € 14,90; ISBN 978-3-89998-034-9

Weitere Bände der Reihe


Über das Buch:
Die Debatte um eine Wiederbewaffnung der Bundesrepublik spaltete Politik und Öffentlichkeit im Nachkriegsdeutschland der 50er Jahre. Die Sorge um Krieg und Frieden, erneuten Militarismus und die Gefahr einer Perpetuierung der deutschen Teilung mobilisierte Tausende zur Teilnahme an Demonstrationen gegen die politischen Entscheidungen, an deren Ende die Aufstellung der Bundeswehr im Rahmen der NATO stand.
Diese Arbeit geht der Frage nach, wie sich der Rundfunk als zentrales Massenmedium der 50er Jahre in dieser gesellschaftlichen Debatte positionierte und vergleicht dazu den NWDR als bedeutendste Rund-funkanstalt der damaligen Zeit mit dem Süddeutschen Rundfunk (SDR), der als besonders „politischer“ Sender galt. Die Reaktionen der Hörer auf das bei beiden Sender produzierte Programm steht dabei ebenso im Mittelpunkt wie die Öffentlichkeitschance außerparlamentarischer Protestbewegungen.


Aus dem Inhalt:

Rundfunk in Deutschland nach 1945 und Überblick über die Institutionsgeschichte des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR) und des Süddeutschen Rundfunks (SDR) bis 1955/56
Allgemeiner Überblick.
Die zentrale Rundfunkanstalt der britischen Besatzungszone: Der
Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR)
Der Süddeutsche Rundfunk (SDR) in der amerikanischen Besatzungszone

Die Wiederbewaffnungsdebatte: Argumentationsstrukturen, zentrale Ausdrücke und Positionen ihrer Vertreter
Pro-Argumente
Contra-Argumente
Die Positionen von Parteien, Verbänden, Kirchen und außerparlamentarischen Gruppierungen zur Wiederbewaffnung

Programm und Inhalt
Vorüberlegungen
Sendeformen und strukturelle Merkmale des NWDR-Programms zur Wiederbewaffnungsdebatte
Sendeformen und strukturelle Merkmale des SDR-Programms zur Wiederbewaffnungsdebatte
NWDR und SDR: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Analyse und Vergleich der Inhalte
Die Frage des "Ob" im Programm des SDR
Von der Grundsatzentscheidung zur künftigen Gestalt der deutschen Armee im SDR
Das Jahr 1952: Beiträge von SDR und NWDR vor und nach dem Generalvertrag
Positionen zur Neutralität im Umfeld des Notenwechsels zwischen der Sowjetunion und den Westmächten 1952
Friede, Freiheit und Pazifismus als politische Optionen im Jahre 1953
Wehrgesetze, Bündnisfrage, alternative Militärkonzepte im Jahre 1954
Politische Auseinandersetzungen um die Ratifizierung der Pariser Verträge im Jahre 1955 und die Diskussion um das "innere Gefüge"
Hörerreaktionen
Hörerforschung und Hörerreaktionen beim SDR
Hörerreaktionen beim NWDR


Einleitung
Wenn man die theoretischen Überlegungen im Kontext der hier verfolgten Fragestellung zusammenfaßt, kann man Folgendes konstatieren:
Die herausragende Rolle des Hörfunks für die vorliegende Untersuchung beruht auf zwei Gründen: Zunächst auf einem medientheoretischen, nach dem ´öffentliche Mei nung´ im wesentlichen ´veröffentlichte Meinung´ ist und den Medien so eine zentrale Rolle für den Meinungsbildungsprozess in entwickelten Gesellschaften zukommt. Zum anderen auf einem historischen, nämlich der herausragenden Rolle des Hörfunks als wichtigstem Massenmedium im betrachteten Zeitraum, die zusätzliches Gewicht erhält durch die Übertragung zentraler demokratiesichernder Aufgaben im Prozess ih rer Neuorganisation seit 1945.
Die Frage der Wiederbewaffnung im Hörfunk stellt also einen komplexen Untersuchungsgegenstand dar. Denn verschiedene Gesichtspunkte stehen hier abwechselnd im Mittelpunkt und machen einen multiperspektivischem Zugriff notwendig: Auf das Mediensystem des Hörfunks einerseits, seine institutionellen, technischen, personellen usw. Voraussetzungen inklusive seines Sendebereiches und seiner Hörer, andererseits auf das Programm und seine Inhalte und zusätzlich noch auf die Chronologie der innen- und außenpolitischen Entwicklungen der Wiederbewaffnung nebst der zeitgenössischen Debatte mit ihren verschiedenen Argumentationsmustern, wie sie empirisch nachweisbar sind.

Konkret rücken damit Fragen in den Mittelpunkt wie etwa:

- Welche Kenntnis hatte die Öffentlichkeit jeweils von den Etappen der politischen Entscheidungen auf Grundlage der Informationen des Hörfunkprogramms? Bestanden Unterschiede in der öffentlichen Wahrnehmung einerseits und ihrer medialen Präsentation durch den Rundfunk andererseits? Wie wurde der Rundfunk seiner Aufgabe umfassender Information der Bevölkerung und Kontrolle der Regierenden in dieser Frage gerecht?
- Welche unterschiedlichen Programmformen existierten zu diesem Zweck bei den untersuchten Sendern NWDR und SDR? Zeigen sich Charakteristika des Umgangs mit Themen und spezifischen Aspekten der Wiederbewaffnungsdebatte, welche sind es und wie sind sie zu erklären?
- Konkret heißt das: Was waren die Programminhalte bei beiden Sendern, welche Positionen wurden darin kommuniziert, welche nicht? Wie wurden die verschiedenen Standpunkte in der innenpolitischen Auseinandersetzung von beiden Anstalten dargestellt und bewertet? Dahinter steht die Vermutung, daß Fälle gesellschaftlicher Kontroversen besonders deutlich Auskunft geben über die Leistungsfähigkeit eines Mediensystems in seiner Funktion als öffentliches Forum, das idealerweise alle Positionen abbilden sollte.
- Wie schließlich reagierte das Hörpublikum jeweils auf das Programmangebot? Wie groß war seine Nähe oder Distanz zu den kommunizierten Inhalten?

Zusammengefaßt wird also nach dem Bild gefragt, das die Frage der Wiederbewaffnung insgesamt im Hörfunkprogramm abgab und somit nach der Rolle und Position beider Sendeanstalten innerhalb dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Dieses Bild ist, sofern das Material es zuläßt, um die Reaktionen der Rundfunkhörer auf das Gehörte zu ergänzen. Da die beiden Rundfunkanstalten NWDR und SDR sich auf mehreren Ebenen unterscheiden, wird auch ein unterschiedlicher Umgang mit dem Thema Wiederbewaffnung als wahrscheinlich angenommen; diese Arbeitshypothese zu erhärten und in ihren verschiedenen Aspekten auszudifferenzieren, wird ein weiteres Anliegen der Untersuchung sein.
Die Struktur dieser Arbeit folgt den oben aufgeführten Überlegungen. Ihnen zufolge muß sowohl mit einer meinungsbildenden Rolle der Medien gerechnet werden als auch umgekehrt mit ihrer eigenen Beeinflussung durch Öffentlichkeit und Politik. Um methodisch die Möglichkeit zur Wahrnehmung beider Aspekte gleichermaßen offenzuhalten, ergibt sich folgender Aufbau:
Zunächst ist ein Überblick der innen- und außenpolitischen Entscheidungen als ereignisgeschichtlicher Rahmen unerläßlich, der auch das chronologische Gerüst der weiteren Untersuchung bildet. Er soll im ersten Kapitel geleistet werden, wobei auf die entscheidenden innen- und außenpolitischen Entwicklungen (Korea-Krieg 1950, Wehrde-
batten im Bundestag) verwiesen wird.
Der Rundfunk als Mediensystem sui generis bildet den Mittelpunkt des zweiten Kapitels. Da der Gang seiner institutionellen Entwicklung sich -wie aus den vorstehenden theoretischen Überlegungen hervorgeht- vorprägend auf seine Rolle innerhalb der Wiederbewaffnungsdebatte und damit auf Programm und Inhalt auswirken kann, werden beide Sender jeweils von ihrer Neugründung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an bis zum vorläufigen Endpunkt der Debatte 1955/1956 in großen Entwicklungsschritten dargestellt. Im Falle des NWDR fällt dieses Ende zusammen mit seinem Ende als eigenständiger Rundfunkanstalt und seiner Aufteilung in die Folgeanstalten NDR und WDR. Es wird auch auf die westalliierten Zielvorstellungen bei der Neuordnung auf dem Mediensektor nach 1945 einzugehen sein, um die Erfüllung des intendierten Anspruchs an den Rundfunk im konkreten Fall von SDR und NWDR näher zu beleuchten. Der Moment des Übergangs von alliierter Kontrolle in deutsche Verantwortung stellt dabei eine Zäsur dar, von der die späteren rundfunkpolitischen Auseinandersetzungen um politische Unabhängigkeit von Landes- und Bundespolitik ihren Ausgang nehmen.Zur Orientierung innerhalb der Wiederbewaffnungsdebatte müssen außerdem die unterschiedlichen pro- und contra-Argumente benannt und ihren gesellschaftlichen Vertretern zugeordnet werden. Dies wird ausführlich im dritten Kapitel unternommen. Dabei ruht ein Hauptaugenmerk auf sprachanalytischen und sprachkritischen Aspekten, denn "Politik vollzieht sich in Sprache", und auf dem Gebiet zumal kontroverser gesamtgesellschaftlicher Auseinandersetzungen ist sie daher zwangsläufig eine "Sprache im Konflikt": Schon in einzelnen Formulierungen können sich politische Wertungen ausdrücken, die in ihrer innenpolitischen Verwe dung strategische Bedeutung erlangen können. Die öffentliche Durchsetzung einer spezifischen politischen Interpretation, die sich in zentralen, wiederkehrenden Sprachmustern ausdrückt, wird dabei als vorprägend und begünstigend für die faktische Durchsetzung der mit ihr verbundenen Politik verstanden. Dieser Aspekt muß daher bei der Inhaltsanalyse stets mit berücksichtigt werden, erhöht aber zugleich die Chancen ihrer Ergiebigkeit.
Desweiteren werden die zentralen Akteure (parlamentarische Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, außerparlamentarische Organisationen) und ihre jeweilige Position im einzelnen dargestellt, um die idealtypisch-allgemeinen Argumentationsstrukturen ihren konkreten zeitgenössischen Trägern zuzuordnen.
Das vierte Kapitel schließlich dient dem Überblick über die empirisch zu verzeichnenden Beiträge beider Sender im thematischen Zusammenhang mit der Wiederbewaffnung. Ihre Basis wird von Sendeprotokollen gebildet, die in chronologischer Reihenfolge ausgewertet werden. Dabei wird das Gesamtprogramm von NWDR und SDR formal in seine jeweiligen Sendeformen aufgegliedert. Die einzelnen Elemente, sowohl Sendereihen wie Einzelbeiträge, werden in ihrem Sendeschema (Wochentag, Uhrzeit, Länge) und der Art der Sendung (Kommentar, Nachricht, Magazin) betrachtet und verglichen. Dies soll die spätere Bezugnahme auf einzelne Beiträge erleichtern und es ermöglichen, rasch ihre Stellung im Gesamtprogramm zu definieren. Hier sind bereits Aussagen zu erwarten über die vorherrschenden Sendeformen, in denen die Wiederbewaffnungsthematik behandelt wurde; sie können sich vorprägend auf die jeweiligen Inhalte und damit letztlich auf das Gesamtbild des Umgangs mit dem Thema Wiederbewaffnung bei beiden Sendern auswirken. Dieser Teil der Untersuchung bemüht sich insgesamt um den Nachweis programmplanerischer Unterschiede im Programm von SDR und NWDR und versucht, das allgemeine Themenspektrum des politischen Wortprogramms mit Bezug zur Debatte darzustellen. Auf eventuell festzustellende Charakteristika wird dabei hingewiesen, zum Beispiel auf die Nähe oder Ferne zur offiziellen Politikagenda oder die mögliche Setzung eigener alternativer Schwerpunkte.
Dieser erste, trotz nicht zu vermeidender Bezugnahmen auf Inhalte eher formale Zugriff, findet seine notwendige Ergänzung in der Inhaltsanalyse des fünften Kapitels. Seine Quellengrundlage wird von Sendemanuskripten, aufgezeichneten Originalbeiträgen und zeitgenössischen sowie späteren Zusammenfassungen von Sendungen (Abstracts) gebildet, wobei die Quellensituation sich einerseits limitierend auf den Umfang dieses Kapitels auswirkt sowie andererseits eine große Heterogenität des zugrundeliegenden Materials mit sich bringt. In diesem Abschnitt wird auf Basis textimmanenter Aspekte versucht, zu qualitativen Aussagen über die Inhalte der Sendungen zu kommen; anhand ihres normativen Gehalts wird versucht, die Positionen beider Rundfunksender innerhalb spezifischer Stadien der innenpolitischen Debatte näher zu bestimmen. Der Rahmen wird dabei von den jeweils diskutierten parlamentarischen Entscheidungen und außerparlamentarischen Entwicklungen (z.B. Demonstrationen, Protestkundgebungen) gebildet, auf welche kontinuierlich Bezug genommen wird. Besonderes Interesse liegt auf kontroversen Subthemen der allgemeinen Debatte, bei denen die unterschiedlichen Positionen sowohl der zeitgenössischen Akteure wie auch die impliziten oder direkten Wertungen der Sendeanstalten vermutlich besonders deutlich aufzuzeigen sein werden. Solche Subthemen bilden etwa die Frage nach Neutralität, Pazifismus oder Kriegsdienstverweigerung. Das fünfte Kapitel besitzt notwendigerweise stärker als die voranstehenden einen interpretierenden Charakter. Unter Zuhilfenahme der zuvor dargestellten Argumentationsstrukturen und Sprachstrategien steht aber auch hier das Bemühen um den empirischen Nachweis am konkreten Beispiel im Mittelpunkt, was schließlich zu Aussagen über die zeitgenössische Wahrnehmung und damit über die Kernfrage der Untersuchung führen sollte.
Über die Reaktionen auf diese Inhalte des Programms gibt das sechste Kapitel Auskunft. In ihm sollen auf Basis externer Meinungserhebungen und senderinterner Untersuchungen der eingegangenen Hörerpost die Wirkungen des zuvor inhaltlich analysierten Programms näher bestimmt werden. Auch wird nach dem Stellenwert demoskopischer Umfragen bei beiden Sendern gefragt und nach ihrer jeweiligen Rolle für programmplaneri sche Entscheidungen. Dieser Abschnitt stellt den Versuch dar, die zuvor theoretisch aufgezeigten Fragen starker oder schwacher Medienwirkungen, die mit starken oder schwachen Rezipienteneffekten korrespondieren, empirisch zu klären und zu Aussagen über das ´geistige Klima´ der Zeit zu gelangen, in der die Wiederbewaffnungsdebatte stattfand.