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Leseprobe

Wiebke Merbeth
Die private Studienfinanzierung in Deutschland

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1 Einleitung
Jeder fünfte Student gibt Geldmangel als Grund für den Abbruch oder die Unterbrechung seines Studiums an. (1)
„Investitionen in die Bildung sind Investitionen in die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft.“ (2) Im Jahr 2006 waren knapp zwei Millionen Studierende an deutschen Hochschulen immatrikuliert. (3) Ihr Bedarf an finanziellen Mitteln wächst aufgrund der Einführung von Studiengebühren und den steigenden Lebenshaltungskosten stetig an. Da der Bildungsabschluss einen starken Einfluss auf die Höhe des späteren Einkommens und damit der Lebenssituation und gesellschaftlichen Zugehörigkeit hat, wird es in Zukunft noch wichtiger, Zeit und Geld in die Ausbildung zu investieren. Die private und öffentliche Kreditwirtschaft hat in den letzten Jahren zahlreiche Produkte entwickelt, um dem Finanzierungsbedarf von Studierenden entgegenzukommen. In dieser Arbeit werden Finanzierungsalternativen analysiert, um die Konkurrenzprodukte voneinander abzugrenzen.
Die Arbeit gliedert sich in vier Teile. Im ersten Abschnitt wird das deutsche Hochschulbildungssystem betrachtet. Die Einführung von Studiengebühren, die Kostenaufteilung im deutschen Bildungssystem und die Hintergründe der Studienabbrecher stellen das aktuelle Umfeld dar, in dem der studierende, potenzielle Kunde lebt. Der darauf folgende Teil beschäftigt sich mit den Produkten der Finanzbranche. Auf der einen Seite stehen dabei Angebote, die ausschließlich zur Finanzierung der Studiengebühren entwickelt wurden. Auf der anderen Seite bietet vor allem die private Finanzwirtschaft allumfassende Lösungen an, die neben den Gebühren auch die Lebenshaltungskosten und die Risikoabsicherung beinhalten. Ein Vergleich der Produkte schließt diesen Teil der Arbeit ab.
Im dritten Abschnitt werden die grundlegenden Systeme ausgewählter Industriestaaten vorgestellt, um einen Einblick in andere Hochschulsysteme und ihre Finanzierungsstruktur zu erhalten. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem US-amerikanischen Universitätssystem, das aufgrund seiner Einzigartigkeit und Erstpositionierung bei Hochschulrankings eine Sonderstellung einnimmt. Der vierte Abschnitt zeigt der Kreditwirtschaft die Brisanz auf, die Studienkredite zukünftig bieten. Der Customer Life Value - der lebenslange Kundenwert - verdeutlicht die langfristigen Renditechancen, die sich aus der jahrzehntelangen Kundenbeziehung ergeben.
Mit der Schlussfolgerung gibt die Arbeit der Kreditwirtschaft eine Basis zur Fortentwicklung des Geschäftsfeldes Studienkredit. Außerdem werden Verbesserungsvorschläge formuliert, um den Ertrag in dem Marktsegment zu steigern.
Für ein flüssigeres Lesen werden die Begriffe Studierende und Studenten (4) im Folgenden als Synonyme verwandt.

2 Die Grundlagen des Hochschulsystems
2.1 Das Gut Bildung
Jeder Bürger benötigt ein gewisses Maß an Bildung, um ein menschenwürdiges Leben zu führen und zum Gemeinwesen beizutragen. Eine gerechte Bildung und der moralische Anstand gewährleisten die Grundlagen der Lese- und Schreibkenntnisse. So stellt die Grundbildung im Namen der Gerechtigkeit ein privates Gut dar, das aus öffentlichen Mitteln zu finanzieren ist. Außerdem ist die Grundbildung der Bürger ein öffentliches Gut, da die Gemeinschaft von der Bildung des Einzelnen profitiert. (5)
Hochschulbildung zählt nicht mehr zur Grundbildung der Bürger. Sie ist zwar eine Mischung aus privatem und öffentlichem Gut, sie vervollkommnet die Allgemeinbildung sowie die berufliche Bildung, sie stellt aber auch gleichzeitig ein Privileg dar. So wird der private Ertrag der Hochschulbildung beträchtlich, wenn die relative Arbeitsplatzsicherheit, die Befriedigung im und durch den Beruf sowie das spätere, höhere Einkommen berücksichtigt werden. (6) Im fünften Kapitel werden die Arbeitsplatzsicherheit für Hochschulabsolventen, das Einkommensniveau im Rahmen der Risikoerwartungen und die Rückzahlungswahrscheinlichkeit genauer betrachtet.

2.2 Die institutionellen Strukturen
Um die Finanzierung des deutschen Hochschulbereiches besser zu verstehen, ist es wichtig, das gesamt Bildungssystem zu betrachten. Von Anfang an spielt die Abhängigkeit vom Elterneinkommen eine Rolle bei der Ausbildung.
Wird die Gebührenverteilung im Bereich der Kindertagesbetreuung herangezogen, so übernimmt die öffentliche Hand zu etwa 63 Prozent die Finanzierung. Ein Drittel der Kita-Kosten wird von den privaten Trägern und den Eltern getragen. Etwa 25 Prozent der Kita-Kosten müssen die Eltern zahlen. (7) Die Kita-Nutzung in Deutschland korreliert positiv mit dem Einkommen der Eltern sowie deren Bildungshintergrund. Eltern des mittleren Einkommensbereiches schicken ihre Kinder am häufigsten in Kindertagesstätten. Die Kita-Gebührenbelastung fällt prozentual zum Elterneinkommen an, sodass die Gebühren für Kinder mit sozial schwachem Hintergrund fast vollständig durch den öffentlichen Haushalt übernommen werden. Aktuell ist die Diskussion der Abschaffung der Kita-Gebühren in den Medien stark vertreten. Hierzu ist festzustellen, dass die besser verdienenden Eltern davon am meisten profitieren, da sie im Vergleich zum bestehenden System am stärksten entlastet würden. Die Subvention der Kita-Betreuung würde neben den sozial schwächeren auch die einkommensstärkeren Familien begünstigen.
In Deutschland gibt es zwar keine Kindergarten- oder Studierpflicht, aber sehr wohl eine Schulpflicht. Die Kosten der Grundschulzeit, des so genannten Primarbereichs des Bildungssystems, und die Aufwendungen für den Sekundarbereich übernimmt in Deutschland fast ausschließlich der Staat. Nur etwa sieben Prozent der Bildungskosten im Primarbereich werden privat finanziert. Die Eltern übernehmen die Kosten für Schulbücher und Fahrtweg, sowie für den privaten Nachhilfeunterricht. Somit ist der Schulbereich der einzige Zweig in Deutschland, der fast vollständig staatlich finanziert ist. Anhand der PISA-Studien in den Jahren 2000 und 2003 wurde das mangelhafte Bildungsniveau an den allgemeinbildenden Schulen in Deutschland deutlich. So hatte Deutschland im Jahr 2003 den 21. Rang bei der Lesefähigkeit und den 18. Rang in den Naturwissenschaften belegt. (8) Der Trend, sein Kind auf eine Privatschule zu schicken, nimmt künftig zu. Der Anteil der Privatschüler in Deutschland stieg im Schuljahr 2005/ 06 gegenüber dem Vorjahr auf 6,7 Prozent an. (9) Die Eltern nehmen die zusätzlichen Kosten einer privaten Ausbildung ihrer Kinder in Kauf, um dem Schüler eine Bildung auf höherem Niveau zu bieten. Private Schulen in freier Trägerschaft werben für spezielle pädagogische Profile, ein gutes Schulklima und eine individuelle Betreuung der Schüler.
Zu den deutschen Hochschulen zählen alle staatlich anerkannten Universitäten, Gesamthochschulen, die theologischen und pädagogischen Hochschulen sowie die Kunst-, Fach- und Verwaltungsfachhochschulen. Mit dem Ziel, eine akademische Ausbildung zu vermitteln, stellt der Hochschulbereich den dritten Teil des Bildungssystems dar. (10) Im so genannten Tertiärbereich werden knapp 85 Prozent der Kosten vom Staat und 15 Prozent durch Eltern und Studenten getragen. Die privaten Ausgaben setzen sich aus Verwaltungsgebühren, Fahrtkosten und Lehrmitteln zusammen. Werden neben den Hochschulkosten weiterhin die Lebenshaltungskosten in der Planung betrachtet, so korreliert die Partizipation an der Hochschule direkt mit dem Einkommen der Eltern, dem Bildungshintergrund sowie der sozialen Schicht der Eltern. (11)

    Fußnoten
    (1) Vgl. Baulig, B. (Studieren mit Hilfe der KfW, 2006), S. 8.
    (2) Bundesministerium für Bildung/ Forschung und Kultusministerkonferenz (Bildung im internationalen Vergleich, 2006), S. 1.
    (3) Vgl. Statistischem Bundesamt Deutschland (Hochschulen, 2006), S. 1. Für das Wintersemester 2005/2006 sind 1.985.765 Studierende in Deutschland gemeldet.
    (4) statt Studentinnen und Studenten
    (5) Vgl. Krebs, A. (Bildung: Studiengebühren, 2004), S. 1 - 2.
    (6) Vgl. Krebs, A. (Bildung: Studiengebühren, 2004), S. 1 - 2.
    (7) Vgl. Dohmen, D. (Bildungsausgaben, 2005), S. 95 - 99.
    (8) Vgl. BMBF (PISA-Untersuchungen, 2006), S. 1.
    (9) Vgl. Kunze, M. (Privatschulen, 2006), S. 1.
    (10) Vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland (Hochschulen, 2006), S. 1.
    (11) Vgl. Dohmen, D. (Bildungsausgaben, 2005), S. 95 - 99.